KI und Dolmetschen

Chance, Hilfe oder Konkurrenz für Dolmetscher:innen?
Künstliche Intelligenz (KI) hat die Arbeit von Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen verändert.
Wie funktionieren KI-Tools und worin liegt eigentlich der Unterschied zum klassischen Dolmetschen?

Die Sprachdienstleistungsbranche ist im Wandel begriffen, nicht erst seit der Corona-Pandemie. Künstliche Intelligenz (KI) hat die Arbeit von Übersetzer:innen und Dolmetscher:innen verändert – in den letzten Jahren gilt das auch zunehmend für das Simultandolmetschen. „KI-Dolmetschen“ verspricht schnelle, kostengünstige und jederzeit verfügbare Übertragung in mehreren Sprachen und in Echtzeit. Doch wie genau funktionieren die KI-Tools? Und worin liegt eigentlich der Unterschied zum klassischen Dolmetschen?

Wie funktioniert „KI-Dolmetschen“?

An dieser Stelle lohnt es sich, die Begrifflichkeiten etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Was genau ist mit „KI-Dolmetschen“ gemeint? Ersetzt hier eine KI die Dolmetscher:innen? Sind beide Leistungen austauschbar? Werfen wir einmal einen Blick auf den Mechanismus hinter dem, was oft als „KI-Dolmetschen“ beworben wird. Genau genommen handelt es sich um Automatic Speech Translation handelt, bei der verschiedene Schritte nacheinander ablaufen. Der Prozess gestaltet sich in der Regel wie folgt:

1. Spracherkennung (Speech-to-Text)

Gesprochene Sprache wird zunächst von KI-Systemen erkannt und in Text umgewandelt. Moderne Modelle nutzen dafür neuronale Netze, die mit großen Mengen gesprochener Sprache trainiert wurden.

2. Maschinelle Übersetzung (Machine Translation)

Der erkannte Text wird anschließend in die Zielsprache übersetzt. Hier kommt die neuronale maschinelle Übersetzung (NMT) der verschiedenen Anbieter zum Einsatz.

3. Sprachausgabe (Text-to-Speech)

Abschließend wird der übersetzte Text wieder in gesprochene Sprache umgewandelt – meist mit synthetischen Stimmen.

Der gesamte Prozess läuft nacheinander ab und ermöglicht dadurch theoretisch den Einsatz der KI-Tools bei Videokonferenzen oder Live-Events. Jedoch treten hier noch zahlreiche Probleme auf. Trotz den erheblichen technischen Fortschritten der letzten Jahre gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen Automatic Speech Translation und dem Einsatz von menschlichen Dolmetscher:innen:

Kontext und Nuancen

Dolmetscher:innen verstehen kulturelle Feinheiten, Ironie, Emotionen und implizite Bedeutungen. KI-Systeme stoßen hier oft an Grenzen, insbesondere bei Metaphern, Akzenten oder uneindeutigen Aussagen. Dies gilt besonders, aber nicht nur, für das politische Parkett. Hier kommt ist es besonders entscheidend, zwischen den Zeilen zu lesen und Aussagen in Kontexte einzubetten. Manchmal gilt es gerade auf das zu achten, was nicht gesagt wird.

Flexibilität und Situationsbewusstsein

Ein:e Dolmetscher:in kann spontan nachfragen, Inhalte zusammenfassen oder an das Publikum anpassen. Die KI folgt dagegen strikt den Regeln der hinterlegten Daten und Algorithmen. Die wahrscheinlichste Lösung ist jedoch nicht immer die richtige. Sollte es zu technischen Störungen kommen, fällt das KI-Tool aus. Dolmetscher:innen hingegen können im Notfall auch ohne Technik konsekutiv dolmetschen und so dafür sorgen, dass die Veranstaltung mehrsprachig weiterlaufen kann.

Verantwortung, Datenschutz und Vertraulichkeit

In sensiblen Bereichen wie auf dem diplomatischen Parkett, bei Gerichtsverhandlungen oder bei Geschäftsgesprächen bleiben Dolmetscher:innen unverzichtbar, da hier Genauigkeit, Haftung und Vertraulichkeit eine zentrale Rolle spielen.

Bericht der World Health Organisation (WHO)

Die World Health Organistion (WHO) hat KI-gestützte Übersetzungstools intern getestet und die Ergebnisse der internen Bewertung veröffentlicht. Eines der getesteten Tools war Wordly.

Die WHO kam zu folgendem Ergebnis: „The assessment results are surprisingly low for all languages. They range from 5% to 83% with only 1 interpretation out of 90 getting a passing grade. Not a single interpretation was free of reputational risks which ranged from 1 to 9 in a single speech.“

Die inhaltliche Genauigkeit entsprach in vielen Tests nicht dem professionellen Dolmetschstandard. Besonders problematisch waren:

  • Bedeutungsverschiebungen
  • Auslassungen wichtiger Informationen
  • falsche Wiedergabe von Zahlen, Fachbegriffen oder Namen
  • Sprachausgabe wurde als unangenehm und roboterhaft eingeordnet
  • Emotionen und/oder Zweck der Botschaft wurden weitestgehend nicht wiedergegeben

Daraus ergab sich die folgende Erkenntnis:

  • KI-Dolmetschsysteme wie Wordly sind derzeit nicht geeignet, professionelles Konferenz- oder Fachdolmetschen zu ersetzen
  • Sie können höchstens unterstützend oder experimentell eingesetzt werden
  • Für offizielle, rechtlich oder medizinisch relevante Kommunikation bleiben Dolmetscher:innen unverzichtbar

Fazit

KI-Tools haben in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht, haben sich in der Praxis aber noch nicht bewährt. Zu den Nachteilen zählt unter anderem die roboterartige Stimme vieler Systeme, die oft monoton und emotionslos wirkt. Dadurch gehen Betonung, Dringlichkeit und rhetorische Nuancen verloren – Aspekte, die für das Verstehen und die Wirkung einer Botschaft entscheidend sein können.

Ein weiteres grundlegendes Problem ist die lange Décalage, also der zeitliche Abstand zwischen der Redner:in und der Verdolmetschung. Dieser Verzögerungseffekt erschwert das Zuhören, unterbricht den natürlichen Kommunikationsfluss und ist vor allem für Diskussionen mit mehreren Redner:innen und vielen Sprachwechseln, aber auch für dynamische Gesprächssituationen mit Fragen aus dem Publikum oder Podiumsdiskussionen ungeeignet. Eine weitere erhebliche Schwierigkeit ergibt sich bei der Spracherkennung und beim Code-Switching. Insbesondere bei häufigem Wechsel zwischen den Sprachen zeigte sich, dass das System mehr Zeit benötigt, um den Sprachwechsel nachvollziehen und in die andere Sprache wechseln zu können, was zu Verzögerungen, Auslassungen und inhaltlichen Brüchen führt.

Hinzu kommt der unzureichende Umgang mit hoher oder variabler Sprechgeschwindigkeit. KI-Systeme geraten bei schnellem, unstrukturiertem oder spontanem Sprechen häufig ins Stocken, lassen Inhalte aus oder liefern fehlerhafte Übersetzungen. Während Dolmetscher:innen Tempo, Stil und Informationsdichte situativ anpassen können, fehlt der KI diese Flexibilität.

Die WHO hält fest: „Während sich diese Studie auf die Bewertung der Qualität der KI-Dolmetschung beschränkt, sind Fragen der technischen Systeminteroperabilität, IT-SicherheitVertraulichkeitAbhängigkeit vom Quasi-Monopol der KI, politische Fragen hinsichtlich der Quelle der KIrechtliche Verantwortlichkeitinhärente Voreingenommenheit (u. a. in Bezug auf Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit), versteckte Kosten und CO2-Bilanz nur einige der zahlreichen Themen, die weiter untersucht werden müssen, bevor eine fundierte Entscheidung über den Einsatz von KI-Dolmetschung getroffen werden kann.“

Als Gesamtfazit ist festzuhalten: KI-Tools eignen sich derzeit vor allem für einfache, planbare Kommunikationssituationen. Für anspruchsvolle, interaktive oder sensible Kontexte bleiben Dolmetscher:innen aufgrund ihrer Verlässlichkeit, Professionalität, und kommunikativen Präzision aktuell unverzichtbar.

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